Dies ist der Blogbeitrag zur Podcastfolge 84: Wir müssen unser Wetter ändern.

Wenn ich mir mein Leben rückblickend so betrachte, habe ich ziemlich viel Zeit damit verbracht, auf irgendein Ziel hinzuarbeiten, weil ich dachte: Wenn ich das erreicht/geschafft habe, dann …

Dann bin ich erfolgreich, glücklich, eine gemachte Frau …

Ehrlich gesagt, ich weiß gar nicht mehr so genau, was ich überhaupt gedacht habe. Was wäre ich dann bzw. was würde ich davon haben, hätte ich das Ziel erreicht?

Angekommen bin ich nirgends, denn hinter jedem Ziel wartete bereits das Nächste.

Das kann gut sein und Spaß machen. Oft hat es das aber nicht.

Viel zu häufig war ich einfach nur beschäftigt. Beschäftigt mit Rennen, Methoden lernen, Strategien entwickeln, den Gedanken darüber, wo ich gerade stehe (in der Regel an der falschen Stelle) und den Gedanken über diese Gedanken.

Vergessen hatte ich dabei etwas ganz Entscheidendes: Ich hatte vergessen, das Leben zu leben, wirklich lebendig zu sein und das auch zu fühlen. Einfach morgens aufzustehen und mich auf die Schritte zu freuen, die ich heute gehen würde. Und dabei angetan zu sein von dem, was durch diese Schritte entstehen könnte.

Wie eine Pflanze, die an jedem Tag mit dem, was ihr zur Verfügung steht, ein Stückchen weiter wächst und sich so Stück für Stück entfaltet.

Stattdessen war ich unentwegt damit beschäftigt, mir ein Leben aufzubauen, von dem ich glaubte, dass ich es wollte.

Mehr als ein Mal habe ich mir gewünscht, noch einmal neu anfangen zu können. Noch ein Mal Kind sein und ohne diese vielen „Du musst aber …“ - Gedanken meinen ganz eigenen Weg finden.

Sogar jetzt noch entlockt mir dieser Gedanke ein sehnsüchtiges Seufzen.

Und nur damit wir uns richtig verstehen, diese „Du musst aber…“ - Gedanken kamen nicht von meinen Eltern. Für die konnte ich schon früh sehr gut selbst sorgen.

Kürzlich war unsere Nichte zu Besuch. Wir saßen am Esszimmertisch und sprachen darüber, wie es nach ihrem Abitur im Mai weitergehen soll. Denn sie hat noch keine wirkliche Idee, in welche Richtung sich ihr Leben weiterentwickeln soll.

Ich hätte ihr so gerne sagen wollen, dass sie sich ausprobieren soll, dass sie keine Angst haben soll, auch mal einen Weg nicht weiterzuverfolgen und Entscheidungen über den Haufen zu werfen.

Na ja, eine Light-Version davon habe ich ihr schon gesagt. Dicht gefolgt allerdings von den Aussagen aller anderen, dass sie in ihre Entscheidung auch einbeziehen muss, womit sie später genug Geld verdient.

Ich hätte schreien können!

Ja, in Gottes Namen, es ist schon auch wichtig, darüber nachzudenken, was meine Miete zahlt und den Kühlschrank füllt. Aber das kann doch nicht das Maß aller Dinge sein, oder?!

Was wäre denn, wenn wir nicht mehr nur von diesem Geld verdienen und diesem „etwas aus uns machen müssen“, getrieben wären?

Und uns stattdessen überlegen könnten, welchen Schritt wir als nächstes machen wollen, ausgehend von da, wo wir gerade stehen. Ohne dass das Ziel schon von vornherein klar gegeben sein muss.

Es hört sich so banal an und doch finde ich, dass diese Reihenfolge in der Geld die Folge unseres Tuns ist und der Sinn dessen einen großen Einfluss auf uns hat.

So viele Ideen sterben bereits bevor sie überhaupt das Licht der Welt erblickt haben, weil wir auf den ersten Blick die Wirtschaftlichkeit noch nicht erkennen können.

Wir scheinen noch immer in diesen Strukturen festzustecken, wo wir möglichst früh unser Augenmerk darauf richten, womit wir später unser Leben finanzieren können.

Das beginnt schon (viel zu früh) in der Grundschule mit der Vorbereitung auf die weiterführende Schule, denn ohne Abitur kein Studium und ohne Studium kein finanziell sorgenfreies Leben.

Doch die Zeiten haben sich sehr verändert. Es gibt heute unzählige Möglichkeiten, sich ein Leben aufzubauen, als noch zu meiner Zeit damals oder der meiner Eltern.

Heute ist es möglich, dass wir beides haben können. Sowohl ein Leben, das wir gerne leben und in dem wir jeden Tag unsere eigene Lebendigkeit spüren können, wie sie durch unsere Adern fließt. Als auch ein finanziell gutes Auskommen.

Weißt du, unser Leben hat eine wahnsinnige Geschwindigkeit bekommen. Für uns selbst aber auch für uns als Gesellschaft. Diese Anforderung, etwas mit unserem Leben erreichen und anfangen zu müssen, treibt uns wie ein Sklaventreiber stetig vor sich her.

In mir melden sich an dieser Stelle immer wieder die gleichen Gedanken:

  • Was brauchen wir, um hier ausbrechen zu können?
  • Was ist notwendig, damit wir wieder den Fuß vom Gaspedal nehmen und so die Geschwindigkeit reduzieren können?

Für mich liegt die Antwort sehr nahe:

Wir müssen unser Wetter ändern, damit wir wieder zurückkommen können ins Auge des Sturms.

Stelle dir mal einen Tornado vor. Da herrscht im Auge des Sturms immer Ruhe. Außen tobt und wütet der Sturm, aber im innen herrscht Stille.

Diese Stille im Innen lässt uns aus der Geschwindigkeitsspirale ausbrechen. Sie lässt uns ruhiger und besonnener werden.

Von hier aus können wir kraftvolle Entscheidungen für uns und unser Leben treffen und so auch kraftvolle Schritte gehen.

Vor allem aber hat im Auge des Sturms dieses Gefühl getrieben zu sein, keinen Platz mehr. Es weicht wie von selbst und lässt Raum für mehr Lebendigkeit, Freude, Lust am Ausprobieren, Neugierde für Alternativen und und und …

Ich stelle mir gerne eine Welt vor, in der das schon so ist.

Eine Welt, in der wir wieder in unserer eigenen Geschwindigkeit sind und jeder aus sich heraus sein Leben gestaltet und seine Schritte geht.

Welche Freude könnten wir dabei empfinden!
Welche Zufriedenheit könnten wir dabei erleben!
Welche Kreativität könnte sich dann entfalten!

Und alle Kinder, die Kleinen wie die Erwachsenen, haben dann die Möglichkeit, fernab von diesem Getriebensein das Leben zu entdecken, es zu erfahren und die Menschen zu sein, die sie jeden Tag aufs Neue sein wollen.

Um das erreichen zu können, brauchen wir ein Wetter, in dem wir die alten Strukturen und Systeme überdenken und unsere eigenen neuen Wege kreieren.

Denn ständig gegen den Sturm anzukämpfen verhindert, dass wir unsere Energie gezielter ausrichten. Hin zu mehr Lebendigkeit.

Was sind deine Gedanken dazu: Was braucht es deiner Meinung nach, um aus der eigenen Geschwindigkeitsspirale auszusteigen?

Schreibe mir einen Kommentar mit deinen Gedanken dazu.