1/26 „Wir lösen deinen Vertrag auf“

Juli 20, 2026 | Wunderbares Denken

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Für gewöhnlich versuche ich, mit meinen Briefen gute Gedanken in die Welt zu bringen. Doch wunderbare Gedanken müssen nicht immer gut sein. Sie sind wunderbar, weil sie einen Unterschied machen.

Heute erzähle ich dir eine Geschichte, die gerade passiert, während ich dir schreibe. Ich habe überlegt, ob ich nicht warten sollte, bis alles vorbei ist. Aber manchmal ist es wichtig, dass wir auch das teilen, was noch nicht sortiert ist.

"Wir lösen deinen Vertrag auf."

Diesen Satz sagte mein Mann vor ein paar Tagen zu mir. Ich saß auf dem Sofa, er mir gegenüber im Sessel.

Falls du es nicht weißt, ich habe die letzten drei Jahre in einem kleinen Beratungshaus gearbeitet. Mein Mann ist dort einer von zwei Geschäftsführern.

Was in den Monaten davor passiert ist, spare ich mir und dir. Es gäbe genug zu erzählen. Aufgaben, die leise woanders hinwanderten. Fragen, die unbeantwortet blieben. Meetings, in denen über mich und meine Arbeit gesprochen wurde, während ich nicht im Raum war. Kollegen, die nicht hielten, was sie versprachen. Aber das ist nicht die Geschichte, die ich dir heute erzählen will. Das sind nur die Umstände.

Die Geschichte ist vielmehr das, was gerade in mir passiert. Denn so gerne ich auch das Außen verändern und kontrollieren wollen würde, hier habe ich keine Macht. Doch meine Innenwelt, da kann ich gestalten. Aber vorher darf ich lernen. Auf diesen Lernweg will dich mitnehmen. Here we go:

Die Wut

Ich kann dir gar nicht sagen, wie schnell ich nach der Ankündigung meines Mannes auf 180 war. Womöglich in einer Femtosekunde. Ich habe eine Wut im Körper gespürt, wie ich sie noch nie gefühlt habe.

Das war ziemlich verrückt, denn Wut war für mich lange etwas, wovor ich mich fürchtete. Weshalb ich immer versuchte, sie zu unterdrücken. Noch vor einem Jahr wäre daher womöglich etwas anderes passiert. Ich wäre in mich zusammengefallen. Hätte mir die Schuld gegeben, mich geschämt und mich für eine Weile in mein Schneckenhaus verkrochen. Die Wut wäre dennoch dagewesen. Sie hätte sich aber gegen mich gerichtet.

Ich habe fünf Hunde, wie du vielleicht weißt. Sie sind mir die besten Lehrer. Gerade beim Thema Wut haben sie mir etwas Wichtiges beigebracht, und ich will es dir mit einem Bild erklären. Stell dir mal vor, man trainiert einem Hund das Knurren ab. Er soll ja freundlich sein. Er soll nicht so bedrohlich wirken. Also lernt er, dass Knurren Ärger bedeutet, und er hört damit auf.

Und dann beißt er eines Tages. Ohne Vorwarnung.

Das Knurren war nie das Problem. Das Knurren war einfach der letzte höfliche Satz. Es war die Grenze, angekündigt, bevor sie verteidigt wird. Wer sie wegnimmt, nimmt dem Hund die Sprache und lässt ihm nur noch die Zähne.

Indem ich meine Wut unterdrückt habe, habe ich mir sozusagen jahrelang das Knurren abtrainiert. Ich war freundlich. Verständnisvoll. Bemüht, nicht anstrengend zu sein.

Diese Wut auf dem Sofa war kein Kontrollverlust. Sie war mein Satz, meine Grenze. Und es war die erste klare Grenze, die ich seit langem gezogen und ausgedrückt habe.

Der Diener

Ich arbeite seit einiger Zeit mit Archetypen. Vielleicht brauchst du dazu kurz etwas Kontext.

Ein Archetyp ist kein Persönlichkeitstest und keine Schublade. Es ist eine Struktur oder innere Architektur, die es in jedem Menschen und allen Gesellschaften gibt und die es lange vor uns gab. Im Märchen, im Mythos, im Traum. Der Held. Die Mutter. Der Narr. Manchmal nutzen wir auch Tiere, wie die falsche Schlange oder den treuen Hund. Wir alle tragen solche Strukturen in uns. Dabei führen ein paar von ihnen bei uns lauter Regie als andere. Jeder Archetyp kommt mit zwei Gesichtern, einem hellen und einem dunklen. Bei der Arbeit mit Archetypen geht es dann darum, sich diese inneren Strukturen bewusst zu machen. Es geht nicht darum, das dunkle Gesicht loszuwerden. Das geht sowieso nicht. Es geht darum zu akzeptieren, dass es da ist, und zu merken, wenn es gerade am Steuer sitzt.

Bei mir sitzt der Diener am Steuer. Und er hat die letzten drei Jahre ganze Arbeit geleistet.

Ich habe das Vertragsmanagement übernommen. Ich habe die Website gebaut. Das Markendesign mit entworfen. Den Kanal. Ich habe Prozesse aufgeräumt, die niemand aufräumen wollte, und Dinge übernommen, für die niemand zuständig war. Ich habe das gern gemacht, das ist wahr. Aber ich habe es nicht nur gern gemacht.

Der Diener im Schatten (das dunkle Gesicht) dient nämlich nicht aus der Fülle heraus. Er dient in meinem Fall, um bleiben zu dürfen. Er führt im Stillen ein Konto, und jede Leistung ist eine Einzahlung. Die Extrastunde. Das Nicht-Beschweren. Das freundliche Gesicht, wenn gerade kein Grund dafür da ist.

Das wirklich Kraftzehrende daran ist, dass dieses Konto niemals ausgeglichen sein wird. Niemand hat mir je gesagt, wie viele Einzahlungen es kostet, dazuzugehören. Also wusste ich nie, wann ich fertig bin. Es gab immer nur die nächste Einzahlung. Ein Konto, dessen Soll niemand kennt, kann man nicht ausgleichen. Man kann es nur weiter bedienen.

Ich habe drei Jahre lang eingezahlt für einen Platz, von dem ich dachte, er sei mein Zuhause.

Dieser Gedanke geht mir seit Tagen nach. Und er ist unbequem, weil er die Schuld nicht einfach bei jemand anderem ablädt. Niemand hat dieses Konto für mich eröffnet. Das habe ich selbst getan.

Der Bully und der Coward und der Umgang mit der Wut

Es gibt zwei Archetypen, die sich über ihren Umgang mit der Wut zeigen können. Der Coward, der Feigling, und der Bully, der Tyrann. Der eine richtet die Wut nach innen. Er verschwindet, macht sich klein, verkriecht sich. Der andere richtet sie nach außen. Er nimmt sich Raum, notfalls auf Kosten aller anderen.

Ich habe beide getroffen. Den Bully draußen, in einem Menschen, der immer zuerst gefragt werden will und der Kritik und Widerspruch nicht verträgt. Und den Coward drinnen, in mir, und das schon sehr lange.

Was ich nun aber verstanden habe: Der Bully hat mich nicht deshalb so wütend gemacht, weil er so fremd war. Er hat mich wütend gemacht, weil er etwas laut ausgesprochen hat, an das ich insgeheim selbst geglaubt habe. Dass der Platz dem gehört, der ihn sich nimmt. Nur dass ich mir meinen mit Hilfe meines Dieners erarbeiten muss.

Die Herausforderung, vor der ich jetzt stehe, ist diese: Wenn ich nicht mehr verschwinden will, muss ich dann werden wie dieser Bully?

Nein, das muss ich ganz sicher nicht.

Zwischen dem Verschwinden in mir selbst und dem Verdrängen der anderen liegt kein Kompromiss. Da liegt etwas Drittes. Das Bleiben. Nicht kleiner werden, nicht größer werden. Für mich einstehen und die Grenze ziehen. Freundlich, klar, ohne Erklärung.
Genau hier passt der Bully rein. Nicht als Tyrann, sondern gereift, als Torwächter. Denn wenn er erwachsen wird, verteidigt er nicht mehr seinen Platz gegen alle. Er hütet eine Schwelle. Er wägt ab, wer und was in mein mentales und emotionales Zuhause eintreten darf. Und wen ich künftig lieber draußen lasse.

Ich mache das jeden Tag mit meinen Hunden, ohne dabei ein Tyrann zu sein. Ich bin nur bislang nicht auf die Idee gekommen, es auch für mich selbst zu tun.

Wie es weitergeht

Ich habe mich natürlich anwaltlich beraten lassen, und ich werde mich wehren. Nicht, weil ich gewinnen muss. Sondern weil ich nicht schweigen will.

Emotional schwanke ich. Das gehört dazu. Ich bin enttäuscht, im wahrsten Sinne des Wortes, und die Täuschung, aus der ich falle, ist zu einem guten Teil meine eigene gewesen.

Was ich behalte, ist mein "Knurren".

Falls du gerade an irgendeinem Tisch sitzt und leise ein Konto führst, wünsche ich dir diesen wunderbaren Gedanken, der mir gerade das Herz öffnet und wehtut zugleich:

Eine Zugehörigkeit, die man sich verdienen muss, ist keine.

Wie es weitergeht, weiß ich nicht. Dass es weitergeht, weiß ich dafür ganz sicher. Ich lasse es dich wissen.

Liebste Grüße und bis bald,
Carina

P. S. Falls du fragst, wie mein Mann und ich gerade zueinander stehen: Wir sind sehr fein miteinander. Kein Vertrag dieser Welt wird sich über unser Eheversprechen stellen.

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