„Die beste Art, sich zu rächen, ist, nicht Gleiches mit Gleichem zu vergelten."
— Marc Aurel, Selbstbetrachtungen VI, 6
Ich grüße dich!
Es ist ein Mittwochnachmittag. Ich sitze hier, meine Augen sind geschwollen von den Tränen, die ich seit heute Vormittag weine. Immer wieder kommen sie hoch, die Emotionen. Ich spüre die Wellen an Energie in mir, wie sie durch mich hindurchrollen.
Ein Kollege würde dich gerne anrufen, sagte mein Mann kurz vor dem Mittag. Er sei geschockt und wolle mir danken. In den Unterlagen für das Teammeeting am nächsten Tag habe er die Ankündigung gesehen, dass ich nicht mehr für die Firma arbeiten würde. Wie genau es formuliert war, weiß ich nicht.
Ich werde wütend. Derzeit ist meine Anwältin mit dem Anwalt der Firma dabei, einen möglichen Abwicklungsvertrag auszuarbeiten. Noch ist nichts in trockenen Tüchern, nichts unterschrieben. Doch die Ankündigung meines Ausscheidens ist bereits formuliert. Alle machen weiter wie immer, ohne mich.
Während ich darüber schreibe, fühle ich einen Schmerz und Druck in meinem Brustkorb. Die Tränen kommen zurück. Ich atme. Ein. Aus. Langsam. Tief. Und von vorne. Ich versuche, die Wellen an Emotionen durch mich hindurchgehen zu lassen, ohne sie durch meine Gedanken oder Interpretationen über die Situation festzuhalten. Schwer genug.
Ob er sich an eine Übung aus einem Seminar erinnere, das wir beide besucht hatten, fragte ich meinen Mann. In dieser Übung ging es darum, miteinander in Verhandlungen zu treten. Es gab zwei Möglichkeiten, wie diese Verhandlungen enden konnten. Entweder mit einem Gewinner und einem Verlierer. Oder mit zwei Gewinnern. Der Seminarleiter sagte damals, man solle immer versuchen, das Gegenüber nicht als Verlierer zurückzulassen, denn sonst erschaffe man sich Feinde.
Ich hätte gute Lust, die Verhandlungen über den Abwicklungsvertrag platzen zu lassen und stattdessen eine Kündigungsschutzklage einzureichen. In den Momenten, in denen die Emotionen hochkommen, erscheint mir diese Möglichkeit unglaublich verlockend. Denn ich würde die Verantwortlichen gerne zur Rechenschaft ziehen.
Ein. Aus. Tief. Langsam atmen. Sobald die Wellen der Emotionen wieder ruhiger werden, kann ich erkennen, dass mir eine Klage nichts bringen würde. Der Prozess der Klage würde lediglich dafür sorgen, meine Wunde länger offenzuhalten. Ich würde sie dadurch nähren, und der Schmerz würde mich bitter werden lassen.
Entstehen so Kriege?, frage ich meinen Mann. Aus nicht geheilten Wunden und dem Wunsch, die Verantwortlichen mit allen Mitteln zur Rechenschaft zu ziehen? Mein Noch-Arbeitgeber wird nicht dafür sorgen, dass ich mich als Gewinnerin fühle. Diese Verantwortung liegt bei mir. Im Moment dadurch, dass ich atme. Ein. Aus. Langsam. Tief. Und dass ich meiner Anwältin vertraue. Sie begleitet viele Menschen in ähnlichen Situationen.
Rilke sagte einmal: „Je stiller, geduldiger und offener wir als Traurige sind, um so tiefer und um so unbeirrter geht das Neue in uns ein."
Ich weiß, wenn ich es schaffe, bei mir zu bleiben und mich nicht hinreißen zu lassen, werde ich gesünder aus dieser Situation hervorgehen, als ich in sie hineingekommen bin. Auf jeden Fall gut durchblutet, bei all den Atemübungen.
Mit meinem (Ex-)Kollegen kann ich noch nicht sprechen. Ich würde weinen und womöglich etwas sagen, das ich mir später vorwerfen würde. Doch es freut mich, dass er den Kontakt zu mir gesucht hat.
Liebe Grüße und bis bald,
Carina

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