„Du stellst dich jetzt für die nächsten sechs Monate frei", sagte Jochen, mein ehemaliger Kollege, zu mir. Wir haben uns vor einigen Jahren bei einem privaten Institut kennengelernt, bei dem wir beide doziert haben und sind locker in Kontakt geblieben. Jochen ist Mehrfachunternehmer, Start-up- und Gründungscoach. Und er wird mich bei meinem nächsten Schritt unterstützen, mich wieder selbständig zu machen.
Weißt du, es schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Das kribbelnde Herz will sich etwas Eigenes aufbauen. Es will auf eigenen Füßen stehen. Am liebsten würde es die Flügel ausbreiten und ins Unbekannte springen. Dinge ausprobieren, die noch niemand zuvor gemacht hat. Das kribbelnde Herz glaubt an sich, an seine Stärken und vor allem daran, dass es alles schaffen kann.
Das zögerliche Herz hat, ehrlich gesagt die Hosen voll. Es würde gerne einen sicheren Plan haben. Jetzt schon wissen, was auf es zukommt. Sicherheit um jeden Preis. Dieses Herz bleibt lieber auf dem Boden der Tatsachen. Denn es erinnert sich noch zu gut an die vielen Tränen, die schlaflosen Nächte, die Gespräche mit der Bank, wenn das Konto zu sehr ins Minus gerutscht ist, oder den Kloß im Hals, wenn neue Kunden Nachfragen zu meiner Expertise hatten.
Ich war schon mal selbständig. Neun Jahre lang. Ich bin damals in die Selbständigkeit gestolpert, ohne es wirklich zu wollen. Sie hat mir so viel Angst gemacht, und die ersten Jahre war es ein Kraftakt, mich nicht von dieser Angst überwältigen zu lassen.
Als mein Freund Jochen mich in unserem Gespräch vor einigen Tagen fragte, in welche Richtung ich mich denn orientieren will, hatte ich keine Antwort. Ich sagte ihm, dass ich in den letzten drei Jahren so viele Rollen und Funktionen ausgefüllt hätte, dass ich nicht mehr wüsste, woran ich überhaupt Freude hätte.
Irgendwo in dieser Zeit habe ich mein kribbelndes Herz verloren, oder besser gesagt, es recht tief in mir drin vergraben. Ich war einfach die, die gebraucht wurde. Bin lieber auf Nummer sicher gegangen, habe die Fähigkeiten genutzt, von denen ich wusste, dass ich gut darin bin. Das habe ich nicht gemacht, weil die wirklich kribbelnden Dinge nicht toll gewesen wären. Das zögerliche Herz hatte einfach zu viele Bedenken und ja, auch zu viel Angst. Angst, dass meine Ideen nicht gut sein könnten, dass ich auf zu viel Kritik stoße oder dass niemand will, was ich zu bieten habe.
Jochen gab mir den Tipp, mich für die nächsten sechs Monate freizustellen, nicht von ungefähr. Er weiß, dass Druck den Prozess nur verlängert. Kreativität muss Raum haben, sie muss frei fließen und sich entfalten können, ohne dass sie von meinem sich nach Sicherheit sehnenden Herzen eingedämmt wird. Das ist eine Mammutaufgabe für mich. Denn ich bin selbst meine größte Kritikerin. Wenn mir früher jemand ein Kompliment für etwas gemacht hat, was mir gut gelungen war, hatte ich das Gefühl, mir dieses Kompliment erst noch verdienen zu müssen. Es war ein Teufelskreis und die Angst davor, gedemütigt zu werden, fuhr im Beiwagen immer mit.
Wusstest du, dass der Zweifel zum Archetypen des Künstlers dazugehört? Damit meine ich Zweifel oder Angst davor, nicht gut genug zu sein. Sie gehen Hand in Hand miteinander. Manchmal hat die Kreativität die Nase vorn und manchmal die Zweifel. Und es scheint zu stimmen, denn ich habe noch nie einen kreativ arbeitenden oder wirkenden Menschen getroffen, der frei von Zweifeln wäre. Es geht auch nicht darum, die Zweifel zu besiegen. Es geht darum, sie anzunehmen, auf sie Rücksicht zu nehmen, aber sich nicht von ihnen beherrschen zu lassen.
In den nächsten sechs Monaten habe ich also Folgendes vor: Ich werde mich um mich kümmern und um meine Wunden. Sie sollen heilen dürfen und das braucht Zeit. Und ich werde herausfinden, was mein kribbelndes Herz sich wünscht und meiner Kreativität freien Lauf lassen, während ich die Zweifel an die Hand nehme, damit sie wissen, dass ich mich nicht kopfüber sinnlos in ein Abenteuer stürze, bei dem ich verletzt werde. Aber ja, es ist möglich, dass ich verletzt werde und ich werde damit umgehen.
Seit dem Gespräch mit Jochen führe ich eine Liste mit Dingen, die ich gerne machen will. Manche lösen mehr Kribbeln aus und andere weniger. Auf dieser Liste stehen bis jetzt folgende Dinge:
Da steht das Schreiben. Da steht, Menschen und ihre Projekte zu unterstützen, weil ich es kann und Lust habe, gute Dinge in die Welt zu tragen. Selbst Dinge in die Welt bringen, an die ich glaube. Gespräche mit Menschen zu führen und über diese Gespräche zu schreiben. Herzen hüpfen zu lassen, meines und die von anderen. Wunderbare Gedanken physisch als Postkarten oder Briefe in die Welt schicken. Menschen Halt geben in Zeiten, in denen sie sich selbst keinen geben können, als Trauer- und Sterbebegleiterin oder vielleicht sogar als Trauerrednerin.
Ich versuche mir vorzustellen, wie es sein wird, beruflich wieder auf eigenen Beinen zu stehen. Selbst für alles Sorge zu tragen. Ehrlich gesagt, verursacht das das größte Kribbeln. Ein aufgeregtes, vorfreudiges Kribbeln.
Wie oft bekommt man die Gelegenheit, noch einmal ganz neu anzufangen? Ganz ehrlich, ich hoffe sehr, dass ich es schaffe, mutig zu bleiben und mit meinem kribbelnden Herzen zu gehen.
Hast du dir mal überlegt, was du tun würdest, wenn du noch einmal ganz neu anfangen könntest? Wenn du Lust hast, schreibe mir deine kribbelnden Ideen.
Alles Liebe und bis bald,
Carina

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