6/26 Erst schwarz, dann Gold

Aug. 24, 2026 | Wunderbares Denken

Newsletter Wunderbares Denken.

Das Licht am Ende des Tunnels kann ich bereits sehen. Es ist größer als noch vor einigen Tagen, doch noch habe ich ein Stück zu gehen, bis ich den dunklen Abschnitt des Tunnels hinter mir lassen kann.

Den Abwicklungsvertrag habe ich unterzeichnet. Meine Anwältin riet mir dazu. Doch die Tage, bis ich dazu in der Lage war, waren steinig. Eine Freundin erkundigte sich per WhatsApp, wie es mir ginge, und ich schrieb ihr dies:

„Anfang des Monats wurde mein ‚Weggang' aus der Firma verkündet. Ich dachte, es würden sich einige Kollegen bei mir melden. Doch es waren am Ende nur zwei. Das trifft mich tief. Ich hatte angenommen, dass ich eine gute Kollegin war. Jetzt weiß ich nicht mal mehr, ob ich überhaupt ein liebenswerter Mensch bin. Bzw. besser ausgedrückt: Ich habe meinen Wert davon abhängig gemacht, was andere von mir denken, und das wird mir gerade schrecklich plastisch deutlich gemacht. Und das tut so weh, und ich schäme mich zutiefst dafür. Versteh mich nicht falsch, ich komme da durch, aber der einzige Weg aus dem Schmerz ist durch den Schmerz, und heute schmerzt es besonders. Vermutlich, weil ich heute auch dem Abwicklungsvertrag zugestimmt habe. Immerhin ist es jetzt bald vorbei."

Die Emotionen, über die ich dir bereits berichtet hatte, waren abgeebbt. Daraufhin folgte etwas Ruhe, und ich dachte schon, ich wäre mit dem Gröbsten durch. Doch der Schmerz, den ich empfunden habe, weil sich kaum jemand bei mir meldete, belehrte mich eines Besseren.

Das Einzige, woran ich mich festhalten konnte, war, dass in diesem Schmerz ein Geschenk für mich liegt. Ganz tief drin, wohlgemerkt. In dem einjährigen Programm zur inneren Arbeit mit den eigenen Archetypen bei Caroline Myss wird häufig der Begriff „Nigredo" verwendet. Nigredo bedeutet das Schwarze. Die Alchemisten nutzten diesen Begriff in technischer Hinsicht so, dass, bevor aus Blei jemals Gold werden konnte, musste der Ausgangsstoff in ein Gefäß gegeben, versiegelt und vollständig zersetzt werden. Das Alte musste seine Form verlieren, bis nichts mehr daran erinnerte, was es einmal war.

Goethe hat für genau diese Bewegung zwei Worte gefunden. In seinem Gedicht „Selige Sehnsucht" heißt es zum Schluss:

„Und so lang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde."

Stirb und werde. Das Alte muss sterben, damit das Neue werden kann.

Diese erste Stufe eines alchemischen Prozesses kann nicht übersprungen werden, denn solange Blei noch felsenfest davon überzeugt ist, Blei zu sein, kann es niemals Gold werden.

In meinem Fall heißt das: Solange ich noch davon überzeugt bin, dass ich dienen muss, um dazuzugehören, oder dass mein Wert davon abhängt, was andere über mich denken, kann ich nicht der Mensch sein, der ich wirklich bin.

C. G. Jung hat das Nigredo als die Begegnung mit dem eigenen Schatten gesehen. Aber nicht als kurzen Blick auf das, was man sonst vermeidet, sondern als volles Eintauchen in die Tiefe. Es ist der Moment, in dem man die abgelegten, ungeliebten Anteile und Muster von sich nicht mehr auf komfortabler Distanz halten kann. Alles, was man jahrelang hinter einer vorzeigbaren Fassade verstaut hat, kommt auf einmal an die Oberfläche und wird sichtbar.

Was da zerfällt, ist kein schlechtes Selbst. Es ist ein ungeprüftes Selbst. In meinem Fall ist es, wie gesagt, die Annahme, dass mein Wert davon abhängt, was andere von mir halten. Diese ungeprüfte Annahme löst sich gerade auf. Das ist die Arbeit. Und sie tut weh.

Die Alchemisten wussten, dass das Gefäß versiegelt bleiben muss. Wer es zu früh öffnet, ruiniert das Werk. Wer sich in einer echten dunklen Phase ablenkt, statt sie durchzustehen, findet denselben Mist Jahre später in neuen Kleidern wieder, meist noch verworrener als zuvor.

Deshalb halte ich noch ein bisschen still. Nicht, weil ich mich gerne quäle oder nach Mitgefühl lechze. Sondern weil mir schmerzlich bewusst geworden ist, dass der einzige Weg aus dem Schmerz durch den Schmerz führt. Bevor ich dem Abwicklungsvertrag zugestimmt habe, schmerzte es besonders. Danach war der Schmerz schon weniger, und ich konnte das Licht am Ende des Tunnels klarer erkennen.

Genau dorthin geht mein Weg. Auf das Nigredo folgt am Ende das Albedo, das Weiße. Die Alchemisten beschrieben es als den Moment, in dem die geschwärzte Materie die ersten Spuren von Klarheit zeigt. Für mich zum Beispiel die Entscheidung, mich mit einem früheren Dozentenkollegen und Gründungsberater zu treffen, und das ohne die alten Ängste und Muster. Oder wenigstens nur noch mit einem Hauch davon. Oder ein Morgen, an dem sich ohne erkennbaren Grund mein Herz schon leichter anfühlt.

Das ist kein Beweis, dass die Arbeit getan ist. Aber es ist der Beweis, dass sie Wirkung zeigt.

Ich bin sicher, das ist das Licht, das ich sehe. Noch bin ich nicht ganz durch den Tunnel durch. Aber ich bin auf dem Weg, und der Weg geht in die richtige Richtung.

Nichts ist je zu Gold geworden, ohne vorher durch das Schwarz zu gehen.

Alles Liebe und bis bald,
Carina

Schicke wunderbare Gedanken in die Welt

0 Kommentare

Kommentar Schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Hier kannst du gleich weiter stöbern ...

Newsletter Wunderbares Denken.

7/26 Ich traue mich noch mal

„Du stellst dich jetzt für die nächsten sechs Monate frei“, sagte Jochen, mein ehemaliger Kollege, zu mir. Wir haben uns vor einigen Jahren bei einem privaten Institut kennengelernt, bei dem wir beide doziert haben und sind locker in Kontakt geblieben. Jochen ist Mehrfachunternehmer, Start-up- und Gründungscoach. Und er wird mich bei meinem nächsten Schritt unterstützen, mich wieder selbständig zu machen.

Newsletter Wunderbares Denken.

5/26 Mach nen Hacken dran

„Du kannst es jetzt nicht mehr ändern und ja, das war eine be…scheidene Situation. Aber das ist jetzt vorbei, du weißt wo du dran bist und kannst einen Haken dran machen und dich auf das Positive in der Zukunft konzentrieren.“ Diese Sätze hörte ich, als ich mal wieder mit meinen Hunden unterwegs war. Eine gute Bekannte rief mich an. Sie wusste bereits, dass meine Firma meinen Vertrag auflösen wollte. Doch die näheren Umstände dahinter kannte sie noch nicht…

Newsletter Wunderbares Denken.

4/26 Wenn wir Wunden nicht heilen lassen

Es ist ein Mittwochnachmittag. Ich sitze hier, meine Augen sind geschwollen von den Tränen, die ich seit heute Vormittag weine. Immer wieder kommen sie hoch, die Emotionen. Ich spüre die Wellen an Energie in mir, wie sie durch mich hindurchrollen.