3/26 Die Kunst, nichts mehr richtig machen zu wollen

Aug. 3, 2026 | Wunderbares Denken

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Ich grüße dich!

„Wie schaffe ich es denn, dass mein Hund näher bei mir bleibt?", fragte ich.

„Indem du mehr bei dir bleibst", antwortete meine Trainerin.

Seit diesem Jahr lebt eine fröhliche, freche Schäferhündin namens Hetty, Spitzname Hilde oder Hildegard, bei uns. Sie ist eine zauberhafte Hündin, die es faustdick hinter den Ohren hat. Und weil Schäferhunde neu für mich sind, lasse ich mich eng von Laura, meiner Trainerin, begleiten.

Hetty genießt es, mit uns die Welt zu erkunden. Bislang sahen diese Erkundungstouren aber mehr so aus, dass ich mit vier Hunden auf gleicher Höhe oder hinter mir einen Weg entlanglief und Hetty fünf bis zehn Meter vor uns die Vorhut bildete. An sich ja der Job eines Schäferhundes. Allerdings vielleicht nicht schon mit sechs Monaten.

Mit dieser Antwort von Laura hatte ich jedoch nicht gerechnet. Und ehrlich gesagt war ich mir auch erst mal nicht sicher, wie ich das machen sollte. Ich lief also weiterhin in der gewohnten Formation mit den Hunden und spürte schon, wie ich innerlich immer genervter wurde von der Junghündin. Bis ich an einem Tag wirklich so genervt war, dass ich aus dem Nichts heraus laut sagte: „Weißt du was, wenn du meinst, du musst nicht nach mir schauen, dann schaue ich auch nicht nach dir." So, dachte ich!

Schuppen von den Augen

Und dann ist es mir wie Schuppen von den Augen gefallen, was ich die ganze Zeit über getan hatte. Nahezu meine gesamte Aufmerksamkeit lag auf Hetty. Wie weit ist sie vorne? Was hat sie vor? Wie ist ihre Körperhaltung: angespannt, locker? Wann muss ich reagieren? Ganz ehrlich, ich bin die Erste, die immer predigt, meine Hunde spüren meine Energie. Und es ist ja auch nicht so, dass ich den Umgang mit Energie nicht jahrelang mit Qigong gelernt, praktiziert und auch gelehrt habe. Meine Güte, das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Und dann mache ich ausgerechnet bei dieser hochsensiblen Hunderasse diese Fehler?

Aber gut, Selbsterkenntnis ist ja bekanntlich der erste Schritt zur Besserung oder wie sagt man das? Was habe ich also anders gemacht? Anstatt all meine Aufmerksamkeit auf Hetty zu legen, habe ich meinen anderen Hunden viel mehr Beachtung geschenkt. Wir sind gemeinsam geklettert, haben gekuschelt oder ich habe einfach so eine Ladung Leckerchen verteilt. Beim Laufen hatte ich meinen Blick nicht mehr länger starr auf der Schäferhündin, sondern ich habe mehr über sie hinweg geschaut. Im Augenwinkel hatte ich sie aber immer noch im Blick, keine Sorge. So ist es mir nicht durchgerutscht, wenn sie mich angeschaut und sich an mir orientiert hat. Gute Entscheidungen, die sie von sich aus getroffen hat, habe ich wohlwollend bestätigt. Und ja, es wurde besser. Doch auch wenn sie nicht mehr ganz so auf Anschlag vorausgelaufen ist, war sie nicht wirklich bei uns in der Gruppe und schon gar nicht bei mir. Bis heute.

Chaos und Kontrolle

Wenn du in den letzten Briefen mitgelesen hast weißt du, es geht derzeit einiges vor in meinem Leben. Falls du die letzte Ausgabe von meinen „Wunderbares Denken"-Briefen nicht gelesen hast, hier die Kurzfassung. Meine Firma will meinen Vertrag auflösen. Mein Kopf ist also ziemlich voll, emotional bin ich recht aufgewühlt und mein Nervensystem ist auf Anschlag. Auch hier lasse ich mich unterstützen. In einer ihrer E-Mails schrieb mir meine Mentorin dieses Zitat von Caroline Myss:

We're confronted by where we compulsively try to maintain human order and mistrust divine chaos. We need to fail at creating physical safety."

Sinngemäß: Wir werden genau dort mit uns selbst konfrontiert, wo wir zwanghaft an menschlicher Ordnung festhalten und dem göttlichen Chaos misstrauen. Wir müssen darin scheitern, uns äußere Sicherheit zu erschaffen.

Mit diesen Gedanken war ich im Wald spazieren. Vier Hunde auf gleicher Höhe oder hinter mir, eine Schäferhündin vorneweg. Ruhiger, nicht bis zum Ende ausgereizt weit vorne, aber immer noch zu weit weg für meinen Geschmack. Und auf einmal spüre ich, wie eine Erkenntnis durch mich hindurchfließt, die mir innerlich Gänsehaut bescherte.

Aufhören, alles richtig zu machen

Ich muss damit aufhören, immer alles richtig machen zu wollen. Das kann ich nicht leisten, egal wie sehr ich mich anstrenge. Das, was ich tun kann, ist, mein Bestes zu geben in jeder Situation, die sich mir präsentiert. Sei es die Arbeitssituation, sei es die Schäferhündin. Ich habe keine Kontrolle über das, was passiert. Ich kann lediglich jeden Tag aufs Neue versuchen, mein Bestes zu geben, was mir gerade möglich ist. Und darüber hinaus kann ich die Zukunft nicht bestimmen. Ich kann lediglich einen Schritt nach dem anderen gehen.

Das sind keine neuen Gedanken. Doch in diesem Moment konnte ich sie fühlen. Ich konnte ihre Wahrheit fühlen und diese Wahrheit hat einen Unterschied gemacht. Sie verändert, wie ich in die Welt blicke. Und selbst wenn es nur für diesen Moment war. Ich kann mich darin üben, dorthin zurückzugehen.

Kontrolle oder Führung

Und dann habe ich endlich verstanden, was Laura eigentlich gemeint hat. Bleib mehr bei dir.

Die ganze Zeit dachte ich, es ginge um Hetty. Und klar, in der Hundearbeit geht es natürlich um Timing und um die richtige Reaktion. Das bleibt. Aber es macht einen Unterschied, von welchem inneren Ort aus ich das tue. Wenn Hetty abseits vom Weg schnüffelt, kann ich sie beobachten, angespannt darauf warten, dass sie zu weit geht, und das Schnüffeln im Zweifel zu früh abbrechen. Das ist Kontrolle. Oder ich laufe einfach weiter, bleibe bei mir und spüre den Moment, in dem sie sich von sich aus für den gemeinsamen Weg entscheidet. Und genau den bestätige ich. Das ist Führung.

Der Unterschied ist winzig und riesig zugleich. Im einen Fall traue ich ihr die Entscheidung nicht zu. Im anderen mache ich den Raum dafür überhaupt erst auf. Es ging also nie nur um Hetty. Es ging immer auch um mich. Solange ich versuche, alles richtig zu machen, bin ich gar nicht bei mir. Ich bin fünf Meter voraus, bei dem, was gleich passieren könnte. In der Zukunft, in der Sorge, in der Kontrolle. Überall, nur nicht hier. Und wer nicht da ist, den kann niemand finden. Keine Schäferhündin. Und auch nicht das Leben.

Loslassen heißt nicht, dass mir alles egal ist. Loslassen heißt, dass ich aufhöre, mich im Außen zu verlieren, und zurückkomme. Zu mir. Genau an den Ort, an dem mich alles andere finden kann.

Und jetzt rate mal, wo meine Hündin Hetty war, als mich diese Erkenntnis traf? Bei mir. Denn endlich konnte sie mich dort auch finden.

Liebste Grüße und bis bald,
Carina

P. S. In der letzten Woche kam meine Kündigung an. Meine Anwältin geht nun die nächsten Schritte mit mir.

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