Müssen wir tatsächlich alles am eigenen Leib spüren, um zu glauben, dass sich etwas verändern muss? Muss wirklich immer erst ein Leidensdruck entstehen oder müssen es die Menschen buchstäblich erst am eigenen Portemonnaie merken, dass es kurz nach zwölf ist? Es scheint so, wenn ich der Berichterstattung der letzten Jahre folge; und auch, wenn ich mit Kollegi:innen und Freund:innen spreche. Wenn ich ehrlich bin, dann halte ich diese These in meinen schlechten Momenten auch für wahr. Vielleicht sind wir tatsächlich zu bequem geworden, um uns zu bewegen, wenn es uns nicht direkt betrifft.

Und doch, wenn ich tief in mich hineinhorche dann ist da diese Stimme und diese Stimme sagt: Nein Carina, die Menschen sind im Grunde gut, sie haben nur etwas vergessen.

Also mache ich mich auf, um nach anderen Erklärungen zu suchen, weshalb die Menschen nicht schneller, nicht heftiger und vehementer auf die Bedrohung unserer Lebensgrundlage reagieren. Ja, wenn ich ehrlich bin, dann kann ich in diesen Zeiten gar nicht verstehen, wie sich auch nur irgendjemand nicht mit diesem Thema auseinandersetzen kann und bei diesem Gedanken werde ich plötzlich neugierig: Könnte darin eine Antwort liegen?

Gefühle, die keiner fühlen will

Von meiner Mama höre ich, dass sie nicht ins Tierheim fahren kann. Das würde sie nicht aushalten, sagt sie. Ich merke, dass das auch der Grund ist, weshalb die Futterspenden noch feinsäuberlich verpackt in meinem Keller stehen. Ich bin froh und dankbar, dass es Tierheime gibt. Doch wenn ich die Tiere dort sehe – alleine bei dem Gedanken daran – will ich sie alle retten und mit mir nach Hause nehmen.

Ich weiß, dass das nicht geht. Das hilft mir aber nicht in meinem Schmerz, den ich empfinde, wenn ich das Bellen höre und in meinem Herzen die Gefühle entstehen dass hier Lebewesen sind, die niemandem etwas getan haben und die dennoch keiner will. Und ich könnte mir vorstellen, dass es vielen Menschen so geht, wenn sie an ein Tierheim denken und sie vielleicht aus dem gleichen Grund nicht dorthin gehen, wie ich.

Tragen wir alle Trauer?

Ich glaube, dass das Nicht-Fühlen-Wollen auch auf die Bedrohungen des Klimas zutrifft. Die Veränderungen, die durch diese Bedrohung auf uns zukommen, sind von so unvorstellbarem Ausmaß und darüberhinaus so vielfältig, dass sie mich schier überwältigen. Es braucht meine ganze Kraft und mein gesamtes Bei-Mir-Sein, um mit offenen Augen und offenem Herzen hinzusehen.

Zu erkennen, dass es ein Artensterben von nie da gewesenem Ausmaß gibt. Zu verstehen, was es bedeutet, wenn Gletscher schmelzen und Meeresspiegel ansteigen. Zu begreifen, was es nach sich ziehen wird, wenn noch mehr Wald abgeholzt wird oder aufgrund von Trockenheit stirbt.

Unsere Welt ist ein unfassbar komplexes aber in sich sehr stimmiges System. Alles hat einen Grund und ist in einer Weise vernetzt, die wir bis heute nicht gänzlich durchdrungen haben.

Ich kann verstehen, dass es für viele Menschen schwer auszuhalten ist, hinzusehen. Ich kann verstehen, dass sich überwältigt und sich gleichzeitig hilflos zu fühlen, eine Form von Bewältigungsstrategien hervorrufen. Irgendwie lassen diese Bewältigungsstrategien und die Verhaltensweisen, die ich wahrnehme, an einen Trauerprozess denken.

Zumeist verläuft Trauer in diesen Phasen:

  1. Das Nicht-Wahrhaben-Wollen: Hier wird geleugnet und abgestritten. Ein Schockzustand kann sich einstellen. Das ist bestimmt nicht so schlimm. Wir hatten immer mal heiße Sommer. Das Wetter verändert sich schon seit Jahrtausenden. Die wollen uns nur weiß machen, dass…
  2. Der Zorn: Impulsive Wut und Ärger, Schuldzuweisungen und Aggressionen spielen hier mit. Sie wussten es seit Jahren und haben nichts getan. Wir wurden belogen. Sie denken nur an sich. Wenn sie sich nicht gegen alles stellen würden, hätten wir schon längst…
  3. Das Verhandeln: Vielleicht könnten wir xy erreichen, indem wir… Womöglich haben wir noch mal Glück und kommen ganz gut weg dabei. Technologie kann uns retten. Wir könnten das Plastik weglassen und damit wieder einiges gut machen.
  4. Die Depression: Die Einsicht, dass das Unvermeidliche eintritt nimmt Gestalt an. Wie sollen wir das jemals schaffen. Es ist zu viel kaputt. Selbst wenn wir jetzt beginnen, können wir es nicht mehr aufhalten.
  5. Die Akzeptanz: Den Frieden machen mit der aktuellen Situation. So ist es und wir können noch xyz angehen und erreichen. Diese Schritte werden uns viel abverlangen und einiges kosten aber ohne, werden wir die Schäden nicht mehr bewältigen können.

Gut zu wissen, und jetzt aber los, oder?

Von dieser These ausgehend, geht es auf der einen Seite darum, einen Trauerprozess zu durchlaufen und auszuhalten. Denn die Trauer ist an manchen Tagen kaum zu ertragen. Wobei hier nicht vergessen werden darf, dass Trauer keineswegs geradlinig verläuft, sondern sie wird von Gefühlswellen und auch Rückschritten begleitet. Auf der anderen Seite sollen wir aber auch handlungsfähig sein bzw. werden.

Es braucht neue Gedanken, neue Ansätze und Handlungsalternativen. Es muss also an zwei Strängen gleichzeitig “gearbeitet” werden. Sprich, es braucht Kraft, um die Trauer zu bewältigen und um Handlungsmöglichkeiten zu erkennen. Doch eine Krise von solch weitreichendem Ausmaß braucht große Veränderungen. Da kann man sich sehr schnell als kleines Licht fühlen und denken, dass man da ohnehin nichts ändern kann. Aber das stimmt nicht.

Die Zauberformel lautet: Gem + Einsam = Gemeinsam

Stelle dir nur einmal vor, wie viel Geld wir zusammenbringen könnten, wenn jeder Mensch nur einen Euro geben würde? Der Schlüssel liegt nicht darin, dass ein Mensch einen großen Unterschied macht. Der Schlüssel liegt darin, dass viele (besser noch alle) Menschen einen kleinen Unterschied machen.

Ich selbst habe es mir auf die Fahne geschrieben in meinem privaten und persönlichen Umfeld so viel zu tun, wie ich nur kann. Und in meinem beruflichen Umfeld will ich mehr Menschen dazu inspirieren, ihre Möglichkeiten zu erkennen und zu handeln.

Lynne Twist, die sich eine Pro-Aktivistin nennt und dafür eintritt eine Veränderung der Gesellschaft zu forcieren, die uns allen guttut, sagte einmal sinngemäß in einem Video: Wir sind dafür gemacht! Und es ist eine Ehre und ein Privileg, dass wir alle die Möglichkeit haben, diese Veränderung zu gestalten.

Ich bin dabei und du?

Und ich sage dir noch etwas: Bevor ich mich mit diesem Thema beschäftigt habe, hatte ich keine Idee, wie ich auch nur im Ansatz einen Unterschied machen könnte. Doch je tiefer ich blickte, desto mehr erkannte ich, was gebraucht wird und an welcher Stelle ich eine Unterstützung sein kann. Ich und du und wir alle können gemeinsam viel verändern. Davon bin ich überzeugt!

Mich interessieren deine Gedanken dazu: Bist du eher der Ansicht, dass die Menschen erst handeln werden, wenn sie es am eigenen Leib spüren? Oder geht deine Ansicht eher in Richtung meiner These? Ich freue mich darauf, deinen Kommentar dazu zu lesen.