Das Geschenk des Schenkens

Als ich noch ein kleines Mädchen war, schenkten mir Menschen einfach so Geld. Ich bekam eine Mark hier, fünf Mark dort und das oft von älteren Frauen, die ich gar nicht gut kannte. Ich bekam dieses Geld einfach so. Nicht, weil sie eine Gegenleistung von mir erwarteten. Ich bekam das Geld, obwohl es für die meisten Menschen darunter ein knappes Gut war. Sie schenkten mir so viel mehr, als nur ihr Geld. Sie schenkten mir ihr Wesen, ihre gebende Haltung, ihre Freundlichkeit. Und sie lehrten mich, dass Schenken keine Selbstverständlichkeit ist, die ich verlangen kann, die ich aber selbstverständlich annehmen darf. Was es sonst noch über selbstverständliches Schenken zu sagen gibt? Here we go?

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We are showered every day with gifts, but they are not meant for us to keep. Their life is in their movement, the inhale and the exhale of our shared breath. Our work and our joy is to pass along the gift and to trust that what we put out into the universe will always come back.” ― Robin Wall Kimmerer, Braiding Sweetgrass: Indigenous Wisdom, Scientific Knowledge and the Teachings of Plants

Das Geschenk des Todes

Vor einigen Jahren starb mein Onkel. (Er war nicht mein richtiger Onkel, eher der Mann meiner Großcousine, aber im Herzen mein Onkel.) In der Nacht davor träumte ich, dass er gestorben war und ich unterhielt mich mit seinem Sohn darüber. Als ich aufwachte rief ich meine Mama an und fragte sie nach meinem Onkel und ob er noch im Krankenhaus sei. Sie meinte, er sei zuhause und es stehe schlecht um ihn. Ich beschloss, ihn zu besuchen.

Dort angekommen, saß ich mit seinem Sohn in dem Zimmer, in dem mein Onkel in seinem Krankenbett lag. Sein Gesichtsausdruck zeigte deutlich, dass er am Gehen war. Wir sprachen leise miteinander, der Sohn und ich. Bis er auf einmal zu mir sagte, dass er keine Atemzüge mehr höre. Wir sahen zu meinem Onkel und bemerkten, er war gegangen.

Wir trauerten, umarmten uns und waren füreinander da. Der Sohn meines Onkels meinte dann zu mir, dass er dankbar dafür war, dass ich da war. Er sagte, es habe ihm gut getan, meine Ruhe zu spüren.

Das Geschenk des Lebens

Raum geben und Ruhe ausstrahlen. Das ist etwas, dass mir das Leben geschenkt hat. Es ist mir in die Wiege gelegt worden und ist für mich so selbstverständlich wie meine zwei Ohren. Ich nutze dieses Geschenk, ohne darüber nachzudenken und schenke es bereitwillig und von Herzen jedem Menschen – manchmal sogar, ob ich es will oder nicht.

In der Volkswirtschaftslehre spricht man von den zwei ursprünglichen Produktionsfaktoren Boden und Arbeit. Lediglich daraus abgeleitet werden kann Kapital. Boden und Arbeit, an sich geschenkte Faktoren und doch so selbstverständlich (aus-)genutzt. In ihrem Buch “Braiding Sweetgrass” schreibt Robin Wall Kimmerer über wilde Erdbeeren. Sie liebte es, die wilden Erdbeeren zu pflücken und sie mit nach Hause zu bringen. Als ein Geschenk von Mutter Erde hätte sie die wilden Erdbeeren niemals verkaufen können. Geschenkte Dinge können nicht verkauft werden sagt sie und sie zitiert dazu Lewis Hyde, der schrieb: “Der Hauptunterschied zwischen Geschenk und Warentausch besteht darin, dass ein Geschenk eine Gefühlsbindung zwischen zwei Menschen herstellt.”

Eine Gefühlsbindung zwischen zwei Menschen oder zwischen der Natur und dem Menschen wie bei Boden und Arbeit, den beiden Faktoren, aus denen unser Wirtschaften entstanden ist.

Die Natur des Schenkens

Geschenke sind beweglich. Sie wandern weiter und weiter und mit jedem Weitergeben steigt ihr Wert. Je mehr etwas geteilt wird, desto größer wird sein Wert. So ist zumindest die indigene Denkweise geprägt, von der Robin Wall Kimmerer schreibt. Und sie gibt in ihrem Buch auch die Herausforderung preis, vor die uns die Natur des Schenkens in unserer Eigentumsökonomie stellt.

Sie schreibt: “Aus der Sicht der privaten Eigentumsökonomie gilt das “Geschenk” als “frei”, weil wir es kostenlos erhalten. In der Geschenkökonomie sind Geschenke jedoch nicht kostenlos. Das Wesen des Geschenks besteht darin, dass es eine Reihe von Beziehungen schafft. Die Währung der Geschenkökonomie ist im Grunde die Gegenseitigkeit.”

Ein Geschenk on top

Mein Mann und ich kaufen gerade unser Haus (jetzt im Juli 2022) und natürlich werden wir es mit Geld bezahlen. Es wird ein Vertrag entstehen zwischen uns als Käufern und den jetzigen Eigentümern als Verkäufern. Damit könnte die Sache erledigt sein und beide Parteien wieder ihrer Wege gehen.

Doch darüberhinaus bekommen wir noch etwas. Wir bekommen die Geschichte des Hauses als Geschenk. Wir durften die Bilder der Entstehung bestaunen, die Erlebnisse hören – die lustigen wie die traurigen und wir bekommen die Unterstützung für Fragen in der Zukunft. All das on top! Über diese Geschichte ist eine dauernde Beziehung entstanden zwischen unseren beiden Familien. Eine Beziehung, die noch Bestand haben wird, auf wenn der Kauf bereits abgeschlossen ist.

Ich denke mit unseren vom Leben geschenkten Talenten und Fähigkeiten ist es auch so. Wir sind zwar Teil dieser Eigentumsökonomie, in der man sich die Dinge einfach kaufen kann. Doch wir geben immer auch einen Teil von uns selbst in diese Transaktionen. Wir geben etwas on top. Wir geben einen Teil von uns und dieser Teil wird immer ein Geschenk sein. Damit bestimmen wir auch die Qualität der Geschäfte und Verbindungen, auf die wir uns einlassen.

Ich kann dir übrigens das Buch “Braiding Sweetgrass” nur wärmstens empfehlen. Ich höre es mit der original Stimme der Autorin und es ist, als würde ich in Samt baden, wenn ich ihr zuhöre.

Wenn du magst, dann richte deinen Fokus in dieser Woche doch mal darauf, welches deine Geschenke sind, die die Menschen einfach so von dir bekommen. Einfach so, weil du bist wie du bist, weil das Leben dich genau so gewollt hat.

Ich wünsche dir viel Freude beim Wahrnehmen und Entdecken deiner Geschenke in dieser Woche. Und denke dran, nur weil sie dir geschenkt wurden, sind sie noch lange nicht selbstverständlich.

Liebe Grüße,
Carina